Überzeichnen

Von Basel aus

18.9. —
15.11.2015

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Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2015, Foto: Serge Hasenböhler
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Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2015, Foto: Serge Hasenböhler
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Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2015, Foto: Serge Hasenböhler
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Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2015, Foto: Serge Hasenböhler
Rebetez Boris Grande Avenue 2008
Boris Rebetez, Grande Avenue, 2018
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Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2015, Foto: Sylvain Baumann
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Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2015, Foto: Sylvain Baumann
Stalder Anselm Fahne Gesamt
Anselm Stalder, Fahne, 2000, Schwarze Gouache, 295 x 418 cm, Foto: Anselm Stalder

Grosse Überblicksausstellung mit 17 Künstlerinnen und Künstlern, die lokal, nationale und international tätig sind und deren Hauptaugenmerk auf der Zeichnung liegt. Der Untertitel Von Basel aus verweist auf die Blickrichtung, das Vorgehen, den Blick hier — in Basel — beginnen zu lassen. Dies ist nicht allein wegen des Standortes des Kunsthauses Baselland sinnfällig, sondern auch deshalb, weil der Zeichnung in Basel seit Jahrzehnten eine besondere Stellung zuteilwird und sich auch gegenwärtig eine grosse Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern auf die Zeichnung als ihr zentrales Medium konzentrieren. In konzentrischen Kreisen blicken Ausstellung und Publikation auf das Werk bestimmter Künstlerinnen und Künstler unterschiedlichen Jahrgangs im In- und Ausland, deren zeichnerisches Werk exemplarisch für eine Richtung innerhalb des weiten Feldes zeichnerischer Möglichkeiten steht.

Überzeichnen spürt — wie es der Titel bereits impliziert — der Gattung der Zeichnung aber auch unter verschiedenen Aspekten nach, die innerhalb der Werke der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler besonders zum Ausdruck kommen. Da ist zum einen ihr Verhältnis zum (architektonischen) Raum. Als Zeichnungsinstallation oder auch als Wandarbeit vermag die Zeichnung der Architektur auf Augenhöhe zu begegnen, sie in das zeichnerische Werk miteinzubeziehen und installativ auf Raumeigenarten zu reagieren.

Bei Fred Sandback etwa wird allein durch die Formulierung der Konturen von Raumkörpern mit verschiedenfarbigen Acrylgarnen zum einen der geometrische Negativkörper innerhalb der Leere sichtbar; zum anderen lassen diese so formulierten Gebilde Lineaturen innerhalb des eigentlichen Ausstellungsraums für den Betrachter auffälliger werden.

Auch für Silvia Bächli ist das Installieren ihrer Zeichnungen auf der Wand ein wichtiger Arbeitsschritt innerhalb ihres Werks. In unterschiedlichem Rhythmus montiert, stehen die Zeichnungen in einer speziellen Verbindung zur Ausstellungswand, entsprechen Raumkonstellationen und formulieren diese, gehen aber zugleich durch die Installation neue Verbindungen untereinander ein. Die mal dichter, mal luftiger geführten Linienüberkreuzungen und -führungen vieler Zeichnungen lassen sich etwa dadurch optisch miteinander verbinden und weiterführen, wenngleich sie durch die Zeichnung selbst getrennt sind.

Das Verhältnis von Wand-Raum-Zeichnung, aber ebenso eine Affinität zum eigenen Körper, der für Silvia Bächli seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit eine wichtige Rolle spielt, kommen auch in den grossformatigen Zeichnungen von Anna Barbara Wiesendanger zum Tragen. Durch die Montage der Blätter zu einem neuen Ganzen erinnern ihre mit Pinsel und Acrylfarbe und unter hohem Körpereinsatz realisierten Arbeiten an grosse Wandzeichnungen. In einer erstaunlichen Verdichtung und Überlagerung von Liniengefügen werden die urbanen oder auch privaten Räume mal mehr, mal weniger eindeutig lesbar und entführen den Blick in eine pulsierende Tiefe.

Auch Künstler einer jüngeren Generation stellen mit ihren Zeichnungsinstallationen, Wand- und Raumzeichnungen neuartige Verbindungen zum gegebenen (architektonischen) Raum her. Etwa Karim Noureldin, der mit dem Zeichen- und Buntstift in seinen frühen Konstruktionszeichnungen architektonische Räume in dichten Linienüberlagerungen beschreibt und fast bis zur Unkenntlichkeit führt. Oder aber es dient ihm der eigentliche Ausstellungsraum mit seinen Wänden, Böden und Decken als Untergrund für seine oft stark farbigen Liniengeflechte, gezackten oder gitterartigen Strukturen.

Wie Konstruktionszeichnungen oder komplexe mathematische Ordnungssysteme muten auch viele Zeichnungen von Jürg Stäuble an, die ihm bisweilen Ausgangslage sein können für die Entwicklung skulpturaler Arbeiten, gross dimensionierter Wandzeichnungen oder architektonischer Projekte im öffentlichen Raum. Und doch ist die Zeichnung für ihn mehr als blosse logische Formulierung, Ausarbeitung einer Werkidee oder Werkzeug für räumliche Arbeiten. Sie kann für ihn ebenso als finales Werk dienen. Und: Im Umkehrschluss kann auch das skulpturale Werk Inspiration sein für die Fortentwicklung einer Zeichnung auf der Wand oder dem Papier.

Die Frage nach der abgeschlossenen oder auf etwas verweisenden Zeichnung, im Sinne der ersten Formulierung einer Idee, ist es denn auch, was viele Zeichnungen von Bruce Nauman prägen. Gerade in der Zeichnung kann ein Gedanke beziehungsweise eine Werkidee für eine Skulptur, eine Situation oder einen Ort exakt formuliert und — meist unter Angaben von Dimensionen und Materialien — präzisiert werden, einer Ausführungsanleitung nicht unähnlich. Ob es denn zur Ausführung kommen kann oder soll, ist eine andere künstlerische Entscheidung, auch in Abwägung der Möglichkeiten, diese oftmals enormen Ausmasse eines Modells umzusetzen. Bereits die Dimensionen vieler Zeichnungen von Nauman, welche die Körperbewegung des Künstlers miteinschliessen, lassen es jedoch zu, die teils beklemmende Situation vieler seiner Skulptur- und Ortsideen visuell nachzuspüren.

Der Einbezug des (eigenen) Körpers sowie das Zeichnen unter Einsatz des Körpers ist ein Thema, das vermehrt seit den 1980er-Jahren in der Zeichnung seinen Niederschlag findet, vor allem bei Künstlerinnen. Doch es sind nicht nur Künstlerinnen, die das Thema gegenwärtig aufgreifen. Robert Estermann, der einer jüngeren Generation angehört, thematisiert und überwindet zugleich das Körperhafte in seinem performativen Ansatz des Zeichnens als einen Akt des Sprechens und zugleich Nachspürens semantischer und gesellschaftlicher, überpersönlicher Strukturen. Innerhalb seiner vielschichtigen Arbeit finden sich sowohl Zeichnungen auf Papieren unterschiedlichen Formats als auch Projektionen und räumliche Installationen, die im Übrigen mit dem spezifischen Ausstellungsort eine Verbindung eingehen können.

Als ein Resultat von zeitlichen Abläufen können auch die Arbeiten von Miriam Sturzenegger angesehen werden. Da sind zum Beispiel Papierarbeiten, auf denen sich verschiedenartige Spuren, Lineaturen oder Ablagerungen abzeichnen — eine Erinnerung an Zeitlichkeit. Entstanden sind sie durch das über längere Zeit Mittragen von Papieren in der Tasche der Künstlerin.

Feine, bisweilen kaum sichtbare oder auch nur gedanklich nachvollziehbare Zeichnungen und Malereien sind es, die Bruno Jakob realisiert — meist gehen sie aus Performances hervor, die der Künstler in Anwesenheit oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausführt. Auf unterschiedlichen Untergründen, aber auch frei gezogen in den Raum, entstehen seine mit Energien gemalten oder gezeichneten Bilder und eröffnen einen ganz besonderen Raum, der unsere Imagination mehr als alles andere einfordert.

Bei Maja Rieder ist es nicht die Kontur oder beschreibende Linie, sondern die Schaffung von konkreten Formulierungen etwa geometrischer Grundformen mit Grafit — meist in Pulverform —, Überlagerungen oder auch Faltungen von Papierblättern oder grossen Bahnen. Durch das Übereinanderlegen, das Falten, aber auch das Aussparen, Abdecken und dadurch Freilassen von Papierfeldern entstehen Positiv-Negativ-Formen und -Figuren, die von der Künstlerin teilweise über weite Raumpartien in stalliert werden und auf den architektonischen Raum einwirken können.

Überzeichnen meint für den einen oder anderen Künstler, die eine oder andere Künstlerin aber auch das eigene Werk fortzuschreiben und mit neuen Zeichnungen, Ideen und Themen sowie mitunter Schrift zu überlagern. Bestehendes kann aufgegriffen und weitergeführt respektive in einer Zeitlichkeit weitergeschrieben werden, ähnlich einer Filmsequenz. Zeit- und Werkschichten können dabei sichtbar und zugleich verdeckt werden. Nicht selten wird hierbei auf Gattungen wie Film oder Fotografie zurückgegriffen.

Boris Rebetez etwa spürt mit seinen kolorierten Zeichnungen Orten nach, die in der Zeit für ihn Erinnerungsorte werden können. Wenngleich ihm die Fotografie oftmals für ein erstes Erfassen einer Situation ausreicht, ist es die Zeichnung, die es vermag, Akzente zu setzen, Feinheiten herauszuarbeiten, hinzuzufügen und wegzulassen. Auch muten eine Reihe seiner Zeichnungen wie Filmstills an, die — nun im Medium der Zeichnung — eine neue Poesie und Aufmerksamkeit für den Augenblick einfordern.

Cécile Hummel arbeitet seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens sowohl mit Pinsel als auch mit der Fotokamera. Die Fotografien geben den besonderen Blick der Künstlerin auf ihr Umfeld wieder, auf die verschiedenen Orte, an denen sie lebt und arbeitet. Es sind aber vor allem die Zeitlichkeit, die Zeitschichten der unterschiedlichen Kulturen, deren Geschichte und Veränderung, die sie interessieren. Das Gleichzeitige und Sich-Überlagernde sind denn auch Themen, die sie in ihren Arbeiten präzise he rausarbeitet und zugleich innerhalb collagenartiger Installationen ihrer Zeichnungen und Fotografien deutlich macht.

Ebenso erinnern zahlreiche Zeichnungen von Anselm Stalder an filmische Momentaufnahmen, spüren Bilderzählungen nach, die auf zeichnerische Nachbarschaften reagieren und dadurch neu zugänglich werden.Scheinbar Alltägliches und Bekanntes wird durch die zeichnerische Präzision erst fass- und sichtbar, wird vielstimmig wie ein Text oder bilderreich und prozesshaft wie Film sequenzen. Nicht selten ist das Zeichnen für ihn ein Über-die-Zeichnung-Hinausgehen und ein Einbeziehen von Gegenständen, die — zusammen mit der Zeichnung — ein in sich geschlossenes Ganzes ergeben.

Die Verbindung von Text und Bild beziehungsweise Zeichnung ist ebenfalls zentral für das Arbeiten von Thérèse Bolliger. Zeichnen ist für sie eine Art des zeitgleichen Mitschreibens und zugleich Überschreibens von Gesehenem und Erfahrenem. Oft präsentiert sie Schrift und Zeichnung in dieser Form der Gleichzeitigkeit oder greift in Werkserien das künstlerische Schaffen von befreundeten und von ihr geschätzten Künstlerkolleginnen und -kollegen auf.

Das Thema von Lena Eriksson ist der Alltag, seine flüchtigen Momente, seine Banalitäten und Bedeutsamkeiten. Mit ihren Zeichnungen greift sie sich Augenblicke aus dem Strom der Zeit und geht ihnen auf den Grund. Häufig arbeitet sie nach eigenen fotografischen Vorlagen mit dem Stift am Computer und steigt konzentriert in Details ein, um zu entdecken. Die ausgedruckten Zeichnungen aquarelliert sie anschliessend, wobei das Aquarell zugleich einen Kommentar zur Zeichnung in einer anderen Sprache darstellt.

Auch Eric Hattan ist in einer Vielzahl von Medien zu Hause, mit denen er sein Umfeld auf gekonnt ironische, humorvolle, mitunter kritische oder poetische Art hinterfragen oder neu ordnen und zusammenstellen kann. Wenngleich er heute vor allem für seine Plastiken, Skulpturen, Fotografien und Filme, Installationen und Eingriffe im öffentlichen Raum bekannt ist, liegt ihm die Zeichnung nahe. Das mögen Arbeiten widerspiegeln, bei denen Linien vorherrschen, die durch gerade oder geschwungene Eisen- oder Stahlstangen formuliert werden, sich durch Räume winden oder als gewundene Bänder in Gewässern treiben und von Hattan filmisch oder fotografisch festgehalten werden.

Für Claudia & Julia Müller steht das Sehen und Erfassen des Alltäglichen, zugleich aber gesellschaftlich Relevanten mittels der Zeichnung im Vordergrund. Ganze Rauminstallationen, die neben grossformatigen Wandzeichnungen auch Videoprojektionen oder Objekte einschliessen können, entführen die Besucherinnen und Besucher in Themenwelten wie das Nachspüren des eigenen Verhaltens innerhalb der Gesellschaft, das vergleichbare Verhalten von Mensch und Tier oder das Scharfzeichnen unterschiedlichster Geschichten und Situationen anderer.

Dieser erste, kurze Überblick zeigt: Die eingeladenen Positionen sind vielschichtig und in ihrer Herangehensweise bisweilen höchst unterschiedlich. Die Ausstellung ermöglicht somit Gedanken über das Zeichnen anhand einiger beispielhafter Positionen innerhalb eines bestimmten Umfeldes, deren jeweiligen Zugriffe und Ansätze, Qualitäten und Eigenschaften sowie Entwicklungsmöglichkeiten und Verwandlungen. Und es zeigt, wie lebendig, komplex die Zeichnung der Gegenwart sein kann und wie weit sie ausstrahlt.
Text von Ines Goldbach
Auszug aus der Publikation Überzeichnen

Ausstellung und Katalog wurden grosszügig unterstützt durch: kulturelles.bl, Jubiläumsstiftung der Schweizerischen Mobiliar Genossenschaft, Novartis, Ernst Göhner Stiftung, Stiftung Roldenfund, Gemeinde Muttenz, werner sutter AG, Stiftung Erna und Curt Burgauer Stiftung, Migros Kulturprozent

KuratorIn: Ines Goldbach und Cécile Hummel; Assistenz: Eva Falge