Jan Christensen

Forward Momentum

6.5. —
2.7.2006

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Jan Christensen, Painting Myself into a Corner, 2006, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2006, Foto: Kunsthaus Baselland
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Jan Christensen, From: Even More Titles for Which I Don't Know What to Make, 2006, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2006, Foto: Kunsthaus Baselland

Jan Christensen (*1977 in Kopenhagen, lebt und arbeitet in Berlin) hat zur Basler Museumsnacht 2006 im Aussenraum des Kunsthaus Baselland mit der Leuchtkasten-Installation Exit Basel den Auftakt für die jetzt folgende, erste institutionelle Einzelausstellung gemacht. Nach einem Stipendium von The Pollock-Krasner Foundation Inc. in New York, der Ingrid Lindbäck Langaard Foundation in Oslo, sowie Atelieraufenthalten im Irish Museum of Modern Art in Dublin und der FRAC des Pays de la Loire in Nantes, zeigt das Kunsthaus Baselland eine umfassende Werkschau des Künstlers unter dem Titel Forward Momentum.

Jan Christensens Arbeit besticht durch ihren aussergewöhnlichen Zugang zum Kunstmachen. Der Künstler dekonstruiert auf gleichzeitig humorvolle und intelligente Weise einzelne Elemente, die zur Kunstproduktion gehören, verselbständigt sie und transformiert sie zum eigentlichen Werk. More Titles for Which I Don’t Know What to Make präsentiert sich beispielsweise als Wandmalerei, welche aus zahlreichen Notizen für Werktitel generiert wurde. Übergross und in verschiedenen Typographien an die Wand gepinselt, wird die Summe der potentiellen Titel selbst zu einem Bild. Painting Myself into a Corner ist die psychologische Auseinandersetzung mit einem ‹In der Ecke-Sein›-Gefühl, welches sowohl auf persönlicher Ebene wie auch als generelles Statement zur Situation der Kunst oder der Malerei gelesen werden kann.

Christensens Werk integriert häufig grafische Elemente, welche in Form von Typographie oder Pinselstrichen zur Signatur werden. Beat Competition von 2005 oder c/o Atle Gerhardsen von 2006 sind Schriftmalereien, die von grossen Wänden wie ein verbildlichtes Echo auf den Rezipienten einstürzen. Diese beiden Werke tragen mit Everybody Thinks That It Means Too Much denselben Titel und leiten so die Aufmerksamkeit zurück auf die eigentlichen Wortinhalte. Sowohl die Titel als auch die Bedeutung der Worte entziehen sich jeglicher eindeutigen Interpretation. Sie geben lediglich vage Hinweise, Referenzen auf die Genese der einzelnen Werke oder deren örtliche Platzierung preis oder sie hinterfragen die Suche nach der Zuschreibung von Bedeutung per se. Mittels DVD-Loop wird in der Videoarbeit No Signal der bei jedem ‹leeren›, also Bild-losen Projektor angezeigte Zustand zum eigentlichen Bild. Christensen appropriiert vorhandenes, visuelles Material und hebt es in den Status eines von ihm ausgewählten Bildes, das einen Beitrag zur Diskussion von Kunst liefert.

Nebst seinen Appropriationen und interdisziplinären Arbeiten geht Christensen immer wieder Kooperationen mit anderen Künstlern ein und/oder wird selbst zu solchen eingeladen. Aus diesem gesamten Beziehungsnetzwerk — sowohl im persönlichen, wie kunstreferentiellen Sinne — generiert der Künstler vielschichtige Konzept-Arbeiten, die verschiedenste Formen annehmen können. Eva Scharrer beschreibt in ihrem Katalogbeitrag seine Arbeitsweise als «hyper-textuell»: «There is a constant blending of practices, a linking of contexts and meanings on multiple layers, and a fluent back and forth between inviting and being invited.»

Für die Ausstellung im Kunsthaus Baselland integriert Christensen seine bisherigen Werke in eine neue Gesamtpräsentation: «I would like to re-visit some of the previous works or ideas. I will bring them back for a moment, and connect elements from different pieces and include parts of sketches and fragments of new ideas. (...) To me this will be a moment of pause in order to consider the situation and look back, before moving ahead», schreibt der Künstler im Kataloginterview.

Einen solchen Moment der Rückschau, bei gleichzeitiger Betrachtung des Gegenwärtigen, realisierte Jan Christensen bereits in seiner Arbeit Exit Basel. Er reagierte damit auf die schwierige urbane Situation um das Kunsthaus Baselland. Gelegen an der Stadt/Land-Grenze, befindet sich das ehemalige Industriegebäude eingebettet in eine Gewerbezone, welche von der sich ausbreitenden, näher kommenden Stadt mehr und mehr okkupiert wird. Für die Wand der benachbarten Mercedes Verkaufsgarage, welche die direkte Sicht zum Ausstellungshaus beeinträchtigt, konzipierte Christensen ein vergrössertes Notausgang-Signet nach Vorlage derjenigen im Inneren der Ausstellungsräume. Die stilisierte, vor den Feuerflammen weglaufende Figur ist so gedreht, dass sie auf den Eingang des Kunsthaus Baselland zuläuft und mit der Idee spielt, einen vermeintlichen Notstand mit Kunst zu beheben. Im Aussenraum wirkt das überdimensionierte Signet absurd, denn, wovor soll davongelaufen werden und weshalb? — befindet man sich doch bereits in der ‹Sicherheit› des Aussenraumes. Jenes Verkehren von Innen und Aussen, von sicher und unsicher, sowie die signaletische Wirkung des Zeichens, das die Funktion der Wegführung übernimmt, wirkt auf den Besucher, der sich von einer Flut von Symbolen und Beschriftungen umgeben sieht, als unübersehbarer Wegweiser, um sicher in den Hafen der Kunst zu gelangen. Der Ausgang von Basel führt von nun an direkt ins Kunsthaus Baselland.
Text von Sabine Schaschl

KuratorIn: Sabine Schaschl