Jonathan Monk

Exhibit Model One

27.5. —
17.7.2016

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Jonathan Monk, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2016
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Jonathan Monk, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2016, Foto: Ines Goldbach
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Jonathan Monk, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2016, Foto: Serge Hasenböhler
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Jonathan Monk, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2016, Foto: Serge Hasenböhler
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Jonathan Monk, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2016, Foto: Serge Hasenböhler
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Jonathan Monk, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2016
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Jonathan Monk, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2016, Foto: Serge Hasenböhler
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Jonathan Monk, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2016, Foto: Ines Goldbach

Jonathan Monk hat sich in seiner Ausstellung im Kunsthaus Baselland für einen speziellen Werkkomplex entschieden, der gezielt der Frage nachging, was den Erfolg eines Künstlers und einer Ausstellung ausmacht. Der international agierende und auch international erfolgreiche britische Künstler interpretiert und thematisiert in seinen Werken oftmals Vorbilder der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts neu, konterkariert sie, nicht ohne sie mit Witz und Tiefsinn zu hinterfragen. Es sind unterschiedlichste Medien, die bei ihm zum Einsatz kommen, je nach Fragestellung und gewähltem Thema, darunter Fotografie, Film, Performance, Video, Bildhauerei, Mail Art, und dies unter Nutzung alltäglicher Produktions- und Kommunikationsmittel. Für das Kunsthaus Baselland entwickelte Monk eine Retrospektive seines gesamten Werks, das — ähnlich einem begehbaren Ausstellungskatalog — sämtliche Ausstellungsaufnahmen seiner Arbeiten der letzten 20 Jahre zeigte, und dies in Form von überdimensionalen Schwarz-Weiss-Fotografien. Der Besucher wurde innerhalb der Ausstellung dadurch überrascht, dass einerseits kein klassisches Ausstellungsobjekt zu sehen war, andererseits sich die wandeinnehmenden Fotografien so stark mit dem bestehenden Raum und seiner Architektur verzahnten, dass ein völlig neues Raumerlebnis möglich war. Begleitend zur Ausstellung erschien eine Publikation, die an alle Besucher und Besucherinnen gratis abgegeben wurde und noch während der Laufzeit der Ausstellung vergriffen war.

Jonathan Monk im Gespräch mit Ines Goldbach
Auszug aus der Publikation Jonathan Monk

Ines Goldbach (IG): Sprechen wir über das Konzept deiner Einzelausstellung hier im Kunsthaus, das ziemlich ungewöhnlich ist. Du hast einmal gesagt, dir gefalle es sehr, dass viele Künstler Modelle ihrer Ausstellungen anfertigen — und jetzt zeigen wir eine Installation, die wie ein Modell aussieht: Die ausgestellten Werke sind Schwarz-Weiß-Fotos der eigentlichen Arbeiten. Was interessiert dich an dieser Idee besonders?

Jonathan Monk (JM): Ursprünglich hatte ich eine ganz normale Ausstellung von Objekten geplant. Aber ich hatte Lust auf etwas Neues und wollte der herkömmlichen Ausstellungspraxis einen neuen Aspekt hinzufügen. Dazu kamen finanzielle Einschränkungen. Daher entschied ich mich für einen auch für mich neuen Weg, der mit dem vom Kunsthaus Baselland geplanten Budget korrespondiert und sich mit den Bedingungen einer Ausstellung selbst auseinandersetzt. In der Vergangenheit habe ich versucht, Ausstellungen ohne festes Konzept zu machen, doch am Ende hielt der Aufbau die Werke zusammen. Arbeiten aus ganz unterschiedlichen Phasen wurden so in Verbindung gesetzt. Ich fertige nie Ausstellungsmodelle an, denn ich arbeite lieber direkt mit den Werken im Raum. Der Kunsthaus-Baselland-Ausstellung lag die Überlegung eines Ausstellungsmodells zugrunde, eines Modells, das keine bestimmten Arbeiten enthält. Die Idee ist, eine Ausstellung aus Fotos einiger meiner früheren Ausstellungen zu schaffen — eine zweidimensionale Installation von Installationen.

IG: Was macht es deiner Meinung nach für dich wie für das Publikum interessant, die Kunstwerke als Installation aus zweidimensionalen Bildern zu sehen, anstatt sie 1:1 vor sich zu haben? Ein Modell ermöglicht zum Beispiel eine Vorstellung der Ausstellung, zeigt aber nicht die Kunstwerke selbst und ist meist nicht in der Lage, eine körperliche Erfahrung davon zu vermitteln.

JM: Kunst wird vorrangig in Buchform vermittelt und mittlerweile auch häufig im Internet betrachtet. Wir sind es also gewohnt, Bilder von Kunstwerken statt der Werke selbst zu sehen. Dazwischen lässt sich fast nicht mehr unterscheiden. In Museen sehe ich oft Kunst, die ich nur aus Büchern kenne. Dabei habe ich manchmal das Gefühl, ich hake nur Kunstwerke, die ich gesehen haben muss, von einer langen Liste ab. Es ist, als würde ich das Werk bereits kennen, ohne es tatsächlich gesehen zu haben. Die Auseinandersetzung mit der Kunst findet ohnehin meist in meinem Kopf statt, aber natürlich kann eine Buchseite die körperliche Auseinandersetzung mit manchen Kunstwerken nicht ersetzen. Meine Ausstellung könnte daher den Eindruck eines Ganges durch ein hastig kopiertes Buch vermitteln.

IG: Zur Ausstellung erscheint auch eine Publikation, die alle von dir erwähnten Ausstellungsansichten an unterschiedlichen Orten und Zeiten enthält, genauso aber auch Abbildungen der Ausstellung hier im Kunsthaus, teils mit, teils ohne Besucher — und das Interview, das wir gerade führen. Auf eine Art ist die Publikation das einzige «Objekt» der Ausstellung und treibt sie vielleicht auch auf die Spitze. Die Dokumentation einer Ausstellung, die selbst den Charakter einer Dokumentation hat, das Aufschlagen einer Publikation, die man soeben körperlich abgeschritten ist, das Überprüfen der eigenen Wahrnehmung von tatsächlich gesehenen Ausstellungen und Werken oder nur deren Installationsaufnahmen usw. Wie siehst du diese Publikation?

JM: Der Katalog dokumentiert die Ausstellung. Er erweitert sie und wird ein Teil von ihr. Und ja, er ist das einzige Objekt im Rahmen der Ausstellung. Etwas, das wieder entfernt werden kann — wie eine Tapete.

IG: Deine Ausstellung trägt den Titel Exhibit Model One — das klingt nach einem laufenden Prozess. Weißt du schon, wohin dich das Projekt einer Ausstellung ohne Limits führen könnte? Was interessiert dich an dieser neuen Form des Planens, Kreierens, Erlebens und Veröffentlichens? An diesem neuen Ausstellungsmodell?

JM: Es gibt eine Idee, diesen Ausstellungstyp weiterzuführen, aber ich bin noch nicht sicher wo. Die Bilder der Ausstellung funktionieren an jedem Ausstellungsort unterschiedlich und könnten auch gegen andere ausgetauscht werden. Die nächste Publikation würde ebenfalls anders aussehen. Sobald das System steht, entwickelt sich die Ausstellung von selbst und kann mit ein wenig Unterstützung und Förderung leicht wachsen. Ich denke auch, dass es möglich wäre, dieser Ausstellung eine weitere, traditionellere Ausstellung überzustülpen. Eine würde der anderen dann als Hintergrund dienen.

IG: Könnte das zu mehr Freiheit für den Künstler wie auch für die Institution führen? Indem man den körperlichen Aspekt einer ‹Ausstellung von Objekten› durch die körperliche Erfahrung des Raumes ersetzt? Du erwähntest die Überlegung, mit einer Ausstellung — einer Retrospektive — auf einem Speicherstick reisen zu können…

JM: In diesem Fall ganz sicher. Ich sehe die Räumlichkeiten des Kunsthauses langsam als das Objekt. Die Bilder meiner vorherigen Ausstellungen haben den Ort übernehmen dürfen. Ich hoffe, das Fehlen von Objekten erlaubt es dem Betrachter, sich auf die Räume zu konzentrieren, die im Raum sichtbar werden. Aber das kann ich erst sagen, wenn die Ausstellung fertig ist. Fehler lassen sich nachträglich eventuell nicht mehr vertuschen. Vielleicht hat es mir die Begutachtung der Bilder ermöglicht, mich zu konzentrieren, einen Ort zu finden, an dem wir eine Zeit lang frei sind darüber nachzudenken, was wir tun werden.

IG: Ich habe immer die Art bewundert, wie du mit den Erwartungen umgehst, sei es mit denen einer Institution oder auch denen der Besucher. Was könnte es Radikaleres geben als einen international bekannten und etablierten Künstler, von dem viele Arbeiten im Umlauf sind und der mit mehreren wichtigen Galerien arbeitet, aber in seiner Ausstellung während der Laufzeit einer bedeutenden Kunstmesse kein einziges Werk ausstellt? Ist deine Ausstellung im Kunsthaus auch eine Antwort auf die Erwartungen, denen du dich als Künstler ausgesetzt siehst?

JM: Der Kontext war für mich ein Ausgangspunkt, ja. Aber es wäre vielleicht selbst für mich zu offensichtlich gewesen, den Raum mit Dingen zu füllen, die zum Verkauf stehen. Ich weiß, dass die Art Basel mehr als eine Messe ist. Obwohl sie von außen betrachtet ein Ort ist, der uns dazu anhält, unsere Waren zu verkaufen. Zwei Wochen nach der Art Basel werden in den riesigen Messehallen wieder ganz andere Käufer umworben. Ich habe sehr geringe Erwartungen und versuche auch nicht zu viel darüber nachzudenken, was man von mir erwartet. Wahrscheinlich nichts. Exhibit Model One ist ein Experiment, das am Computer zu funktionieren scheint — sauber, glatt und perfekt ausgerichtet. Die Realität von 400 Quadratmetern Fototapete könnte völlig anders aussehen – peinlich, chaotisch, unharmonisch —, doch beides scheint meiner Arbeitsweise entgegenzukommen.

IG: Worauf beziehst du dich, wenn du von «sehr geringen Erwartungen» sprichst? Auf die Kunstszene, den Kunstmarkt oder Kunst generell? Ich denke, dass wir gerade jetzt wieder an einem Punkt stehen, an dem die Gesellschaft mit vielen Erfahrungen, Situationen, Ängsten, Unsicherheiten und Problemen konfrontiert ist, die ihr unvertraut sind. Kultur und insbesondere Kunst könnten uns dabei helfen, dem Unbekannten zu begegnen. Obwohl sich alle anderen Bereiche der Gesellschaft im Wandel befinden, hat sich interessanterweise an der Kunstvermittlung in den Institutionen, Museen, der Kunstszene und auch in den Ausstellungen nichts geändert. Vielleicht kann deine Ausstellung als erster Schritt zur Frage gelesen werden: Machen wir einfach weiter wie immer oder müssen wir alles überdenken?

JM: Was meine eigene Karriere als Künstler angeht: Ich erwarte nie etwas. Tatsächlich bin ich sehr zufrieden damit, mich als Künstler bezeichnen zu können, der sich in seiner Arbeit bestärkt fühlt. Denn es scheint ein öffentliches Interesse an meiner Arbeit zu geben. Die Kunstwelt geht ihren Gang, ohne sich von der Außenwelt beeinflussen zu lassen. Die Preise bestimmter Werke steigen weiter, was die Spitzenverdiener der Szene freut und andere ärgert, die weiter unten in der Verwertungskette stehen. Vielleicht wird das Leben einfach zu leicht und die Selbstbeweihräucherung der Kunstszene ist schlicht nicht mehr interessant genug. Das alles kommt mir auf traurige Art verlogen vor. Museen und Kultureinrichtungen spüren den Druck, lange bevor die Privatwirtschaft auch nur ein Problem einräumt. Regierungen verlassen sich auf Sammler und große Privatunternehmen, um staatliche Museen zu fördern. Ich halte das für falsch, aber es scheint der einzige Ausweg zu sein. Selbst die Art Basel wird von der UBS finanziell gefördert. Es wäre ja schön, wenn das freien Eintritt für alle bedeutete. Aber der Witz ist, dass sich VIP-Sammler und Künstler davon die rauschende Eröffnungsfeier bezahlen lassen. Ich weiß nicht, wie meine Ausstellung da hineinpasst. Dazu muss ich sie wohl erst im fertigen Zustand sehen.

IG: Viele deiner Arbeiten können als Reaktion auf und Interaktion mit Werken oder Konzepten von Künstlerkollegen gesehen und erlebt werden. Aber du gibst ihnen häufig die Gelegenheit, darauf zu antworten. Mir gefällt die Idee innerhalb deiner Ausstellung im Kunsthaus, dass du auf die Bedingungen dieses speziellen Ausstellungsraumes, seiner finanziellen Einschränkungen und vielleicht auch seiner Freiheiten eingehst und damit arbeitest — und so auf neue Ideen und Ausstellungskonzepte kommst. Als Kuratorin werde ich damit konfrontiert werden, welche Überlegungen und Fragen das Erscheinungsbild der Ausstellung hervorruft. Vielleicht muss ich mit Erwartungen hinsichtlich der Ausstellung arbeiten, die nicht erfüllt werden. Gehören diese — ich nenne sie mal — «positiven Interventionen und Irritationen» in Bezug auf Kunst, Kollegen, Institutionen, Kuratoren und Direktoren zu deinem künstlerischen Schaffen?

JM: Danke! Und: ja. Ich denke oft, dass Künstler zum Meister ihres eigenen Werkes werden. Vor dieser Falle bin auch ich nicht sicher — doch gelegentlich tue ich Dinge gern ein wenig anders. Vielleicht ist das eine dieser Gelegenheiten. Möglicherweise macht das für mich den Reiz aus. Der Aufbau der Ausstellung ist ein zeitintensiver und anstrengender Prozess. Meine Tapezierkünste sind nicht die besten, es kann also einiges schiefgehen. Aber das wird dann Teil der Arbeit.

Ausstellung und Katalog wurden grosszügig unterstützt durch die Partner des Kunsthaus Baselland: kulturelles.bl, Gemeinde Muttenz, Migros Kulturprozent, werner sutter and Anthony Vischer sowie weitere Unterstützer, die namentlich nicht genannt werden möchten.

Parallel zur Einzelausstellung von Jonathan Monk fanden die beiden Einzelausstellungen von Christiane Löhr und Jan van der Ploeg statt.

KuratorIn: Ines Goldbach. Assistenz: Sabrina Lehmann und Christina Schmitt