Künstler:

BIANCA PEDRINA

20. Januar bis 19. März 2017

Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm siehe unter Events

 

Bianca Pedrina (*1985), die im Kunsthaus ihre erste grosse institutionelle Einzelausstellung ausrichtet, präsentiert im gesamten Untergeschoss neue Werkserien. Gleich im ersten Raum der Ausstellung formuliert die in Wien lebende und arbeitende Künstlerin ihr anhaltendes Interesse an der Fotografie als Mittel, um die visuelle Wahrnehmung zu hinterfragen. Eine zentrale Rolle spielt dabei für sie die Gattung der Architektur und deren Geschichte, welcher sie formal und inhaltlich auf unterschiedlichste Weise nachspürt. Die Fotografien von Marmorschnitten, die Pedrina auf weichen PVC-Fussbodenbelägen drucken liess, schmiegen sich mal an die Architektur des Kunsthauses und seine Elemente wie Pfeiler, vorgelagerte Wände oder stehen – gestützt durch Armierungseisengitter – an der Wand. Die gegensätzlich wirkende Materialität des Gesehenen und die Erfahrung, die sich damit verbindet – die Härte von Marmor, als Foto auf einer weichen, formbaren Trägermatte –, irritiert. Zugleich unterstützt diese Irritation Pedrinas Untersuchung der Beziehung vom Betrachter zu seiner unmittelbaren Umgebung und dem Wahrheitsanspruch an die Fotografie im Allgemeinen. Die (dekorativen) Marmormotive, so die Künstlerin, stammen von der Fassadenverkleidung des Wienerischen Looshaus, der kontroverseste Bau des Ornament verweigernden modernen Architekten Adolf Loos.

Die grosse Videoinstallation Orbita, die Pedrina als neues Projekt eigens für die Ausstellung entwickelt hat, nimmt in der gesamten Auslegeordnung einen wesentlichen Stellenwert ein. Dieses Werk vereint die wichtigsten Anliegen der Künstlerin und geht der zentralen Frage nach, wie wir unser Umfeld wahrnehmen und wie Wahrnehmung funktioniert. Sinnfällig verbindet Pedrina Details aus der Architektur des Kunsthauses mit jenen, die das menschliche Auge im Rahmen einer Untersuchung zeigen. Nach und nach kommt man den Schichten des Auges näher, wird das Instrument des Sehens analysiert. Eingebettet in Projektionen, die einen anderen Blick auf die Kunsthaus-Architektur zeigen – Nahaufnahmen von Ecken, Übergängen, Rissen, Spiegelungen, Licht- und Schattenwürfen, von Gewolltem und Zufälligem –, lassen das Gegenüber sensibel werden für Ort, Architektur und Zeit. Vergleichbar mit den gezeigten Geräten aus der Optometrie, das sich nach und nach während der Untersuchung den Schichten der Augen und dem Dahinterliegenden annähert und die Sehfunktion bewertet wie auch misst, ermöglicht Pedrina ein verfeinertes (räumliches) Sehen auf das (architektonische) unmittelbare Umfeld – fern von jeglicher Idealisierung, aber offen für Neuentdeckungen.

So zollen denn auch die Fotocollagen Art in public space, die Bianca Pedrina in einer Art Studiosituation präsentiert, dem Gedanken Rechnung, sich für einmal über physische und finanzielle Grenzen gedanklich hinwegzusetzen und Architektur und Kunst im öffentlichen Raum als freie, überdimensionale Geste zu denken. Es zeigt aber vor allem auch die Möglichkeiten von Fotografie: statt vermeintlicher Wiedergabe von Wirklichkeit ein kritischer Kommentar sein zu können, der den Blick für das unmittelbar Umgebende schärfen kann.

Bianca Pedrina *1985 in Basel, lebt in Wien
2010/11 Gaststudium, Städelschule, Prof. Judith Hopf, Frankfurt am Main; 2006–2009 Diploma BA Fine Arts, Bern; 2005 Praktikum, Fotostudio Wolfgang Stahr, Berlin; 2004/05 Vorkurs SfG, Basel


Einzelausstellungen (Auswahl): 2016 Borrowed Light, C/O Berlin; 2016 Herr Leutner, Wien; 2015 Studio 47 mit Noor Nuyten, Amsterdam; 2014 dispositif au cube, Utengasse Sechzig, Basel; 2014 Cloud Atlas, Jahresaussenprojekt Kunsthaus Baselland; 2014 Intime Architekturfotografie, AhoiAhoi, Basel; 2013 On the Rocks, FALKO, Basel; 2010 Holy Merleau-Ponty!, Artachment, Basel

Bianca Pedrina, Cipollino Galaxy,
Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2017.
Foto: Serge Hasenböhler

Bianca Pedrina, Orbita,
Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2017.
Foto: Serge Hasenböhler