Künstler:

Christiane Löhr

27. Mai bis 17. Juli 2016

 

Events: Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm siehe unter Events

 

Zu den Arbeiten von Christiane Löhr

„Mich interessiert vor allem, welche Motivation die Linie bewegt.“

Skulptur ist ein Begriff, der bei Christiane Löhr im Gespräch immer wieder fällt. Sei es, dass die Künstlerin, die u.a. 2001 von Harald Szeemann auf der Biennale in Venedig vorgestellt wurde, von ihren Zeichnungen spricht, die auf grossen Blättern zart von der Wand hängen oder in Stapeln auf dem Tisch in ihrem Kölner Atelier liegen, oder von den klein- oder grossformatigen Arbeiten im Raum, die aus Kletten, Pflanzenstengeln oder Pferdehaaren entstehen. Die Formate können dabei grundlegend variieren. Die letzte grosse Raumsäule aus Pferdehaar, die sie 2015 im Vangi Sculpture Garden Museum in Shizuoka in Japan realisierte, besass eine Länge von 6 Metern.
Aber sie fokussiert auf mehr als nur auf Formfindung in einem bestimmten Mass. „Für mich“, so beschreibt es die Künstlerin, die auch in Italien arbeitet und nun in ihrem lichtdurchfluteten Kölner Atelier steht, „geht es um Raumaneignung, in allen meinen Arbeiten.“ So gilt ihrem Interesse bei der Zeichnung, wie die Linie beschaffen ist, was die Linie macht und kann und wie sie den Raum um sich einnehmen, aber ebenso verändern kann. Und auch bei den Arbeiten im Raum ist es das Einnehmen und zugleich Umwandeln durch Raumsetzungen.

Die vielen Skulpturen in ihrem Atelier erinnern nicht selten an Architekturen wie Kuppeln oder utopische Gebäude. Doch das Architektonische ist nicht das, was die Künstlerin interessiert und zugleich motiviert. Vielmehr beschäftigt sie das Streben einer Bewegung, von einer Mittelachse ausgehend. Prinzipien von Wachstum und Konstruktion könne man darin lesen und weniger eine konkrete Vorlage aus der Natur. Begriffe und Wörter wie jene, „das Wachstumsprinzipien sichtbar machen“ oder auch „ein Bewusstsein für Strukturen schärfen“, lassen schnell an Künstlerinnen und Künstler wie Mario Merz denken, die man gerne der sogenannten Arte Povera zuordnet und rasch mit Etiketten wie „Arbeiten mit ärmlichen oder einfachen Materialien“ versieht, Naturmaterialien eingeschlossen. Wenngleich dieser Gedanke nicht recht einzulösen ist, da Vergleiche bekanntlich mehr aus- denn einschliessen, lässt sich eine wichtige feine, verbindende Sequenz aufzeichnen: Christiane Löhrs Werke zeigen Sachverhalte und Zusammenhänge unserer unmittelbaren Gegenwart auf – und dies auf eine unaufdringliche und zugleich eindringliche Art und Weise. Sie lassen sensibel werden für Prinzipien, Systeme und Feinheiten unserer Umgebung. Nicht allein für die gewählten Materialien selbst, sondern auch und besonders für die atmosphärische Veränderung des jeweiligen Raumes, die sie auslösen können. Raum und Zeit sind denn auch Begriffe, die während des Gesprächs immer wieder anklingen. Etwa wenn die Künstlerin von langsamen oder schnellen Linien und der Bewegung auf dem Papier oder innerhalb eines Raumes spricht. Es interessiere sie, welches Motiv die Linie bewegt, was hinter der Bewegung stecke, welche Geschwindigkeit die Linie habe, ob sie noch sehr viel weiter reichen können usw. Zentral sei für sie die Qualität der Linie, die mal mit Ölkreide auf das Blatt gebracht, mal mit Materialien wie Pferdehaar oder Naturmaterialien durch den Raum geführt wird.
Wie skulptural gerade auch die gezeichnete Linie dabei sein kann, eröffnet die Nahsicht einzelner Blätter. Nach dem schnellen Ziehen einzelner Linien, die auf dem Blatt mal zarter, mal kräftiger ausfallen können, reibt Christiane Löhr die schwarzen Pigmente nach und nach tiefer in das Blatt und verdichtet das gerade rasch Entstandene zu einer neuen Form der Materialität. Auch das verbleibende Weiss des Blattes verändert sich, je nachdem wie die Linie und ihr Umraum, das Sfumato, wie es Löhr nennt, auslaufen. Fast reliefartig bauen sich die Linien auf dem zarten Untergrund auf, etwa wenn die Künstlerin mit dem Bleistift die Hauptlinien formuliert und in einem weiteren Schritt immer wieder – ebenfalls mit dem Bleistift – in diese einmal gesetzte Linie fährt und das Blatt an dieser Stelle fast zu verletzen scheint. Durch diese Geste bildet sich ein feiner Grat aus und unterstreicht abermals das Skulpturale und die Materialität ihrer Zeichnung.
Das beantwortet auch die anhaltende Frage bei der Betrachtung ihrer Werke, ob es die Zeichnung ist oder die Skulptur, die sie in erster Linie interessiert. „Ich komme in jedem Fall aus dem Dreidimensionalen, aus dem Volumen“, formuliert es Christiane Löhr. „Und eigentlich“, so die Künstlerin weiter, „geht es immer um Raumsetzung, sei es bei den Skulpturen, sei es bei den Zeichnungen.“ Das wird deutlich, wenn man Löhrs Arbeiten allesamt in Räumen installiert erfahren kann: Das zeichnerische Ge-füge nimmt einen ebenso wichtigen Stellenwert ein wie der Leerraum des Blattes, die skulpturalen Setzungen werden ebenso wichtig wie die Nachbarschaften, Verdichtungen und aktivierten Leerstellen.
Und wie entstehen diese präzisen Entscheidungen für Setzungen im Raum, die nun auch im Kunsthaus Baselland spürbar werden? Wie findet Christiane Löhr diese neuralgischen Punkte im Raum? „Bei meinem Besuch im Kunsthaus Baselland“, beschreibt die Künstlerin, „haben mich die oberen Kabinetträume sofort angesprochen. Die architektonische Begebenheit, dass der Estrich und die illuminierte Kassettendecke ungebrochen durch die drei sehr unterschiedlichen Räume laufen, gab mir beim Hindurchgehen ein Gefühl des ‚Eingespannt-Seins‘ zwischen Boden und Decke. Das starke Spüren der Spannung in der Vertikale ist auf die Arbeiten übertragen, die ich ausstelle. Da ist etwa die Säule aus Pferdehaar, die tatsächlich eine Vertikale durch die Raumhöhe zieht und Decke und Boden unmittelbar berührt. Das Material dieser Rauminstallation ist fast ‚nichts‘, es findet in einer Faust Platz – und trotzdem formt die Säule einen Körper, der durch die feine Textur der geknoteten Pferdehaare eine subtile Präsenz entwickelt.“ Eines also wird besonders deutlich: Es gilt anwesend zu sein und sich im Raum mit den Arbeiten von Christiane Löhr aufzuhalten – und sich nicht zuletzt den Raum selbst anzueignen, in welchem man sich befindet.

Curator:  Ines Goldbach, Director Kunsthaus Baselland
Assistant: Eva Falge

 

Kurzbiografie

Geboren 1965 in Wiesbaden. Lebt und arbeitet in Köln und Prato, Italien.1985 Studium der Ägyptologie, klassischen Archäologie und Geschichte,  Universität Bonn, 1986 Studium der Kunsterziehung und Germanistik, Universität Mainz, 1993 Erstes Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1994 Studium der freien bildenden Kunst, Kunstakademie Düsseldorf bei Jannis Kounellis, 1996 Meisterschülerin von Jannis Kounellis.

 

Preise und Auszeichnungen:

2009 Residenz CCA Andratx, Mallorca, 2006 Stipendiatin der Kunststiftung NRW, 2002 Warhol-Stipendium, Headlands Center for The Arts, San Francisco,  2001 Kahnweiler- Preis, Rockenhausen, 2000 Graduiertenstipendium des DAAD für Indien, 1998 Stipendium für die Cité Internationale des Arts, Paris, 1997 Preis der Stiftung Vordemberge-Gildewart, Museum Wiesbaden, 1996 Preis der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz, 1995 Studienstipendiatin der Heinrich Böll-Stiftung, 1993 Salzburg-Stipendium der Stadt Mainz

 

Einzelausstellungen (Auswahl):

2015 displuvio, Jason McCoy Gallery, New York, lined, Taguchi Fine Art, Tokyo encircling the orbit, Vangi Sculpture Garden Museum, Shizuoka, Japan, Galerie Werner Klein, Köln, 2014 Bernier/Eliades Gallery, Athen, Tucci Russo Studio per l’Arte Contemporanea, Torre Pellice/Turin, permeabile, Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, línies contínues, Blueproject Foundacion, Barcelona, 2013 Jason McCoy Gallery, New York, Taguchi Fine Art, Tokyo, 2012 Jason McCoy Gallery, New York, 2011vertikal, Galerie Werner Klein, Köln, HerderRaum für Kunst, Köln, 2010 dilatare lo spazio, Galleria Oredaria, Rom,   dividere il vuoto, Villa e Collezione Panza, Varese, 2009 sortint de l’embull, Fundació Pilar i Joan Miró, Palma de Mallorca, 2008 Galleria Salvatore + Caroline Ala, Mailand, 2007 Gallery A-quad, Takenaka Corporation, Tokyo, CDAN Centro de Arte y Naturaleza, Huesca, 2006 PIAC, Ragusa, 2005 Galleria Salvatore + Caroline Ala, Mailand, Kunstverein Arnsberg, Kunstverein Ludwigshafen (mit Sonja Braas), Heidelberger Kunstverein, 2004 Studio Stefania Miscetti, Rom, Galerie Werner Klein, Köln, Tendersi dentro – stretching towards the inside, Fattoria di Celle, Collezione Gori, Pistoia, 2003 Galleria Salvatore + Caroline Ala, Mailand, Wie die Dinge den Raum berühren, Kunstmuseum Bonn, Nassauischer Kunstverein Wiesbaden (mit Sofi Zezmer), Hancock Museum, Locus+, Newcastle, Villa Romana, Florenz, 2002 Kunstverein Münsterland, Coesfeld, 2001 Oltre frontiera, già Via Nuova per l’Arte contemporanea, Florenz, 2000 artothek, Köln, Camera Oscura, San Casciano dei Bagni, Siena, 1999 Forum Kunst Rottweil, Galerie Hafemann, Wiesbaden, Galleria Salvatore + Caroline Ala, Mailand, 1998 Studentisches Kulturzentrum, Belgrad, 1997 Das Übergewicht des Kleinen, Mittelrhein-Museum Koblenz, Objekt und Zeichnung, Kunstverein Trier, 1995 Objekte und Installationen, Brückenturmgalerie Mainz

Christiane Löhr, Kleine Kuppel, 2008, Pflanzenstengel, 10,5 x 8 x 8 cm

Christiane Löhr, Kleine Kuppel, 2008, Pflanzenstengel, 10,5 x 8 x 8 cm. Foto: Wolfgang Burat

Christiane Löhr, Kleine konkave Form, 2016 Pflanzenstengel: plant stalks 4,5 x 9,5 x 8 cm 
Foto: Simon Vogel

Christiane Löhr, Kleine konkave Form, 2016 Pflanzenstengel: plant stalks 4,5 x 9,5 x 8 cm. Foto: Simon Vogel