Künstler:

Lara Almarcegui

Lara Almarcegui ist in den letzten Jahren durch eine Viel­zahl an unge­wöhnlichen Projekten aufgefallen. Einer breiten, internationalen Öffentlichkeit bekannt wurde die in Rotterdam lebende spanische Künstlerin u.a. durch Auftritte wie bei der Biennale von Venedig 2013. Viele Monate be­vor das Projekt Aushub aus Basel, 2015 im Kunsthaus Baselland begann, ­reiste die Künstlerin mehrfach nach Basel. Sie durchstreifte mit neu­gierigem Blick die Stadtlandschaft, arbeitete sich in konzentrischen Kreisen vom Kunsthaus aus weiter durch urbanes Gefüge – meist zu ­Fuss –, sprach mit Verantwortlichen und befreundeten Architekten, um die ak­tuellen Stadt- und Wohnbauprojekte in der Region Basel kennenzulernen: Dreispitz-Areal, Erlenmatt, Rheinhafen, Abriss der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz, Projekte in Pratteln usw. ­Immer entlang der Fragen: Wie ist die aktuelle bauliche Situation, wie ist die ­Erdbeschaffenheit?

Seit vielen Jahren erkundet Lara Almarcegui den zivilisatorischen Raum unserer Städte und untersucht das Verhältnis von urbaner Konstruktion, Regeneration und Verfall. Sie blickt auf Räume des Übergangs, an denen die Ordnung der Stadt auf die Ordnung der Natur stösst und sich neue Schritte der Stadtentwicklung abzeichnen. Bisweilen werden Gebäude temporär dekonstruiert, doch nicht um Fragen der Baustilkunde, der Architekturtheorie oder Kulturgeschichte zu klären, sondern um ihre Materialität und Konstruktion sicht- und spürbar zu machen. Deutlich wird dies insbesondere in Lara Almarceguis Auflistungen der Baumaterialien der Stadt São Paulo, Lund und Dijon – Millionen von Tonnen Beton, Glas, Eisen, Stahl oder Asphalt, die eine Stadt zusammenhalten.

Für das Kunsthaus Baselland hat Almarcegui nun 300 Kubikmeter Aushubmaterial in die unteren Shedhallen hineinschichten und sie meterhoch auftürmen lassen. Das mag nach Sensation klingen. Doch wenn man Lara Almarcegui kennt, ist rasch klar, dass es ihr um alles andere als um Effekthascherei geht. Vielmehr prüft sie mit ihren Arbeiten auf fundierte, künstlerisch-wissenschaftliche Weise, was für uns normal und gegeben erscheint. Woraus besteht Architektur? Wie ist sie konstruiert? Ist ge­bauter Raum eine verbindliche oder auch vergängliche, formbare Grösse, die im Moment der Errichtung bereits den Verfall in sich trägt? Worauf stehen die unzähligen urbanen Bauprojekte? Wer ist Besitzer, wer Eigentümer? Es sind grundlegende Fragen, die unser Zusammenleben, unser Miteinander in urbanen Kontexten betreffen und die Künstlerin interessieren.

In ihrem aktuellsten Werk Mineral Rights, Tveitvangen, das Lara Almarcegui im Kunsthaus in Form einer Projektion zeigt, geht sie den essenziellen und zugleich kaum gestellten Fragen nach den Besitzverhältnissen von Böden und deren Tiefe nach. Schürfrechte werden von Land zu Land unterschiedlich geregelt, und ihr Erwerb ist für eine Privatperson meist unmöglich. Lara Almarcegui hat vor Kurzem Schürfrechte in Norwegen erworben, in Tveitvangen, unweit von Oslo, für ein Gebiet von einem Quadratmeter Grösse. In der Projektion, die sie im Kunsthaus zeigt, wird der Besucher in eine Landschaft aus Steinformationen, Schneeresten, Waldstücken, Gräsern und Sträuchern entführt. In ein Gebiet, das bekannt ist für seine Eisenvorkommen. Eisen ist eines der wichtigsten Materialien im Baugewerbe, kein zeitgenössisches Gebäude kommt ohne dieses Material aus. Almarcegui wird das Eisen nicht abbauen, aber sie lenkt mit ihrem Projekt und den Rechten, die sie nun erhalten hat, den Blick auf eines der wichtigsten Konstruktionsmaterialien und dessen teilweise merkwürdigen beziehungsweise bedenklichen Besitz- und Eigentumsverhältnisse. Sie kommentiert mit ihren Arbeiten nicht nur, sondern sie schafft ein Bewusstsein für unser Sein, Wirken und Handeln in der Welt.

(Auszug aus der Publikation Lara Almarcegui, Hg. von Ines Goldbach, Christoph Merian Verlag; erscheint am 13. Juni 2015)

 

Lara Almarcegui. Geboren 1972. Lebt und arbeitet in Rotterdam.

Einzelausstellungen (Auswahl):

2015, GEM, Gemeentemuseum Den Haag; 2014, The Last Coal Extraction in Newcastle, AV Festival, The NewBridge Project Space, Newcastle; 2013, Spanischer Pavillon, 55. Biennale von Venedig; 2011, Fondazione Pastifizio Cerere, Rom; 2010, Secession, Wien; 2008, Bilbao Wastelands, Sala Rekalde, Bilbao; 2007, CGAC, Santiago de Compostela

Gruppenausstellungen (Auswahl):

2015, Wohnungsfrage, Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Riddle of the Burial Grounds, Project Arts Centre, Dublin; Living in the Material World, Haus Lange, Krefeld; 2013, Artificial Amsterdam, De Appel, Amsterdam; Living as Art Form, University Art Gallery, University of California, San Diego; 2012, Manifesta 9, Genk, Limburg; 2011, Found in Translation Chapter L, Casino Luxembourg; 2010, Portscapes, Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam.

Veranstaltungen zu Lara Almarcegui:

Abendführung zu Lara Almarcegui

Mittwoch, Juni 10, 2015 | 18:00
mit Emanuel Christ, Christ & Gantenbein Architekten, und Ines Goldbach

Buchvernissage und Künstlergespräch mit Lara Almarcegui
Donnerstag, Juni 18, 2015 | 10:00
Lara Almarcegui im Gespräch mit Ines Goldbach (in englischer Sprache)

‹Unter unseren Füssen …› zu Lara Almarcegui
Donnerstag, Juli 2, 2015 | 18:00
Reto Marti, Leiter Archäologie Baselland, im Gespräch mit Ines Goldbach

Lara Almarcegui, Foto: Serge Hasenböhler

Lara Almarcegui, Aushub aus Basel, Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2015

Foto: Serge Hasenböhler