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Schlagwörter und Sprachgewalten

Wie in der Sprache Macht und Identität verhandelt werden

Die thematische Gruppenausstellung Schlagwörter und Sprachgewalten, von der freien Kuratorin Nadia Schneider Willen für das Kunsthaus Baselland konzipiert, setzt sich mit der komplexen Beziehung und den Wechselwirkungen von Sprache und Macht auseinander. Etablierte sowie jüngere KünstlerInnen aus Europa, den USA, Lateinamerika und der Schweiz setzen sich mittels Zeichnung, Fotografie, Video-, Text- und Audioinstallation mit dem Thema auseinander. Die Mächtigen haben das Sagen, meint der Volksmund oder anders formuliert: „Wer die Sprache hat, hat das Sagen“.

Das Ringen um Macht ist oftmals ein Kampf um die Deutungshoheit und gleichzeitig ein Versuch die Opposition – argumentativ oder gewaltsam – zum Schweigen zu bringen. José Restrepos Video El arte de la retórica manual (2010) bringt dies ohne Worte zum Ausdruck: die offensichtlich auf Persuasion seines Publikums ausgerichtete Rede eines Politikers im kolumbianischen Senat bleibt stumm. Einzig dessen aussagekräftige Gestik wurde vertont und skandiert mit dumpfen Aufschlägen der Hände auf das Rednerpult seinen Monolog. Dass die Sprache, als wichtigster Code gesellschaftlicher Verständigung, wie kein anderes Kommunikationssystem im politischen Diskurs instrumentalisiert wird, thematisieren auch mehrere Videoarbeiten, sowie die Audioinstallation von Tania Bruguera. In Autobiografía – Inside Cuba (2003) dröhnen aus riesigen Lautsprechern kurze Sequenzen und Schlagwörter von Fidel Castros sprachgewaltigen, epischen Reden, während ein vereinzeltes Mikrophon auf einer leeren Bühne den Zuschauer dazu einlädt, selbst das Wort zu ergreifen. Dass dies nur vermeintlich möglich ist und der mutige Redner kaum eine Chance hätte, gegen den Wortschwall des Machthabers anzukommen, wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass das Mikro gar nicht verstärkt ist. Wird hier auf eine Strategie diktatorischer Regimes angespielt, die bewusst eine aggressive Rhetorik einsetzen, um dem Adressanten keinen eigenen Denkspielraum zu lassen und damit die Herrschaft über Sprache zu erlangen, so ist Julika Rudelius’ Arbeit klar in einem demokratischen System angesiedelt, wo vielmehr zu persuasiven Strategien gegriffen wird, um den eigenen Deutungsrahmen durchzusetzen. Rudelius zeigt in ihrer aus dokumentarischen Aufnahmen und inszenierten Sequenzen konstruierten Doppelprojektion Rites of Passage (2008), Dialoge zwischen einflussreichen Politikern und ihren Praktikanten. In diesem verbalen Austausch, selbst Ausdruck des Machtverhältnisses zwischen Meister und Schüler, wird unter anderem auf das Modell des „charismatic leadership“ Bezug genommen, das einen faszinierenden Auftritt, persönlichen Charme und rhetorische Durchschlagkraft über das Vermitteln eines überzeugenden Inhaltes oder einer eigenständigen Vision stellt. Auch Lena Maria Thürings neueste Arbeit, die eigens für die Ausstellung konzipiert wurde, nimmt auf den Aspekt der Selbstinszenierung als politische Person Bezug. In einem Casting-Aufnahmestudio in Hollywood lässt sie Schauspieler eine politische „Wahlrede“ halten. Die Texte dazu stammen von Songs, die Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf für sich eingesetzt haben. Dabei ist die Diskrepanz zwischen dem Inhalt des Liedes, das den Kandidaten repräsentieren soll, und dem tatsächlichen politischen Programm desjenigen in gewissen Fällen so eklatant, dass man sich fragen kann, ob das potentielle Staatsoberhaupt sich überhaupt die Mühe genommen hatte, sich den Song – über den Refrain und die mitreissende Melodie hinaus – anzuhören. Weshalb sonst hätte beispielsweise Roland Reagan für seine Wahlkampagne 1984 den Antikriegssong „Born in the USA“ von Bruce Springsteen wählen sollen? Wichtige Reden von Präsidenten und Interviews mit Weltherrschern, Friedensabkommens- und Menschenrechtsdebatten sowie Radiosendungen aus den 1950er bis 1980er Jahren, vereint die Sammlung Historical Records Archive, welche Dani Gal seit 2005 kontinuierlich zusammenträgt und erweitert. Die über 270 Langspielplatten dokumentieren politische und historische Events des 20. Jahrhunderts, wobei die meisten dieser Tondokumente als Propaganda benutzt wurden und für die Festlegung und Verbreitung nationaler Geschichtsschreibung von zentraler Bedeutung waren. Andere Arbeiten der Ausstellung untersuchen, wie auf gesellschaftlicher Ebene, also dort, wo sowohl politische als auch persönliche Aspekte ins Spiel kommen, unterschiedliche Sprachen ein jeweils anderes symbolisches Kapital verkörpern und damit den Status des Sprechers definieren. Denn nichts gibt so viel von unserer Herkunft, unserer sozialen Zugehörigkeit und unserem Bildungshintergrund preis wie unsere Sprache(n) und die Art und Weise wie wir sie sprechen. Die Personen aus Katarina Zdjelars Video A Girl, the Sun and an Airplane Airplane (2007), die in einem Tonstudio vereinzelte Wörter auf Russisch aus ihrem Langzeitgedächtnis hervorzuholen versuchen, hatten diese Sprache in Albanien während ihrer Schulzeit lernen müssen. Sie verkörperte damals, während des Enver Hoxha Regimes, eine Ideologie, mit der man sich zu identifizieren hatte, und verhiess Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das Vergessen dieser heute in Albanien nicht mehr gesprochenen Sprache ist nicht nur ein individueller, natürlicher Prozess, sondern einer, der mit der gesellschaftlichen Distanzierung von den ideologischen Inhalten und Wertsystemen einhergeht, welche dieses Idiom symbolisierte. So wie es erfolgsversprechend ist, in einem bestimmten Kontext die „richtige“ Sprache zu sprechen, kann das Gegenteil zu einem Faktor gesellschaftlicher oder politischer Diskriminierung werden, was wiederum auf das bestehende Machtgefälle zwischen verschieden Sprachgemeinschaften verweist. In The Last Silent Movie (2007) öffnet Susan Hiller ein Archiv vom Verschwinden bedrohter oder schon verstummter Sprachen. Ausgehend von Tonaufnahmen, die für anthropologische Recherchen gemacht wurden, spricht die Arbeit nicht nur über das Verschwinden von Sprachen, Menschen und Kulturen, sondern auch über die Machtverhältnisse, welche dieses Verschwinden ermöglicht haben. Eine bestimmte Sprache nicht zu beherrschen oder des Alphabets nicht mächtig zu sein, setzt denn auch den sozialen Rang einer Person fest und zieht eine imaginäre Grenze, jenseits derjenigen, kein gesellschaftliches Aufstiegsspotential vorhanden ist. Die zeichnerischen Notate von Yto Barradas Grossmutter, welche die Fotografin in ihrer Bildserie The Telephone Books (or the Recipe Books) (2010) festgehalten hat, sind deshalb viel mehr als nur Kritzeleien. Es sind memotechnische Skizzen, welche die Frau als Analphabetin benutzte, um sich die wichtigsten Telefonnummern merken zu können – eine Art Ersatz-Zeichen, welche die Umwege und den Einfallsreichtum verdeutlichen, die nötig sind, um das Manko zu beheben. Aspekte der konstitutiven Rolle der Sprache in der Bildung einer personalen oder kulturellen Identität, kommen in Arbeiten wie denjenigen von Sharon Hayes, Daniela Keiser oder Goran Galić / Gian-Reto Gredig zum Ausdruck. In den vier Monologen, die Sharon Hayes nach existierenden Videobändern aus den 1970er Jahren nachspricht (Symbionese Liberation Army (2003)), solidarisiert sich die gekidnappte Milliardärstochter Patty Hearst, von einer Einspielung zur nächsten, immer stärker mit ihren Entführern und nimmt schlussendlich eine neue Identität an. Das Sprechen selbst, das tastende Generieren eines Monologes, ist allerdings in dieser Arbeit ebenso ein Thema, lässt sich Hayes doch beim Vortragen des halbwegs auswendig gelernten Textes von einem unsichtbaren Publikum korrigieren und helfen, wenn sie vom Text abweicht oder den Faden verliert. Daniela Keiser liess für Ar & Or (2010) zehn Personen aus dem europäischen Kulturkreis mit Bezug zur arabischen Welt, fiktive Biografien einer jungen Frau aus Kairo schreiben. Als Grundlage diente ihnen einzig die Fotografie eines konservativ, aber doch „modern“ gekleideten ägyptischen Mädchens, das in einem Park „Blinde Kuh“ spielt. Nun sind die Texte in Originalsprache, sowie auf Arabisch übersetzt, auf zehn Tischen zu lesen, zusammen mit den Prints der besagten Fotografie, welche in verschiedenen Druckereien in Kairo produziert wurden. Wenn die Künstlerin ihre Arbeit „Übersetzungsprojekt“ nennt, dann ist dies nicht nur als Beschreibung eines linguistischen Prozesses, sprich des Übertragens eines Textes von der einen in die andere Sprache, gemeint. Vielmehr stellt sich darüber hinaus die Frage nach der Möglichkeit der Übertragung kultureller Konzepte und gesellschaftlicher Normen in andere Kontexte. Wie lesen wir ein Bild, das aus einem uns nicht geläufigen kulturellen Bezugsrahmen stammt, und in wieweit sind wir fähig diese zu interpretieren? Von den Schwierigkeiten interkultureller Verständigung handelt auch die neue, für diese Ausstellung konzipierte Videoarbeit von Goran Galić und Gian-Reto Gredig. In Weiterbildungs-Workshops von Grossunternehmen, mit Titeln wie „How to negotiate with arabic/indian/international businesspartners“, beobachteten sie die gutgemeinten wie auch etwas hilflosen Versuche, kulturell geprägte, gesellschaftliche Normen und Verhaltensweisen so weit gefasster Kulturkreise wie z.B. desjenigen der „arabischen Welt“, vereinfacht und prägnant zu vermitteln und uns zu instruieren, wie in gewissen Situationen zu (ver-) handeln und zu kommunizieren ist. Die Arbeiten von Fiona Banner und Jorge Macchi haben im weitesten Sinne ebenfalls mit Übersetzung zu tun – der Übertragung von Zeichen von einem System in ein anderes. Fiona Banner hat in grossformatigen Zeichnungen ein Alphabet geschaffen, The Bastard Word (2006/07), das ganz aus Elementen von Kampfjets besteht – einem Kriegsgerät, das wie kein anderes Macht und Gewalt symbolisiert. Diese Kampfmaschinen, die gleichzeitig Faszination und Abscheu wecken, werden hier zu Buchstaben unseres Zeichensystem und somit Grundlage jeder möglichen Aussage. Bei Jorge Macchis 12 Short Songs (2009) hingegen werden Headlines aus amerikanischen Tageszeitungen, die grösstenteils auf die Wirtschaftskrise Bezug nehmen, zu Lochkartenperforationen, die durch eine Musikdose gedreht, seltsam anmutende und doch familiäre Klänge ertönen lassen.

Dani Gal, Historical Records Archive, Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2012.

Lena Maria Thüring, This land is your land, This land is my land (Filmstill), 2012

Presse zur Ausstellung

Die Wochenzeitung

18. Oktober 2012

 

Artline

08. November 2012

 

Kunstbulletin

11/2012