Künstler: , , , , , , , , , , , , , , , ,

Ü B E R Z E I C H N E N. Von Basel aus

Pressebeiträge zur Ausstellung.

Kuratiert von Ines Goldbach zusammen mit der Künstlerin Cécile Hummel.
Kuratorische Assistenz: Eva Falge

Man sagt ihr viel nach, der Zeichnung der Gegenwart. Sie sei das ursprünglichste der künstlerischen Medien, sei autonom, spontan, unmittelbar, prozesshaft, authentisch, durch ihr Verfahren näher am Künstler respektive an der Künstlerin denn andere Disziplinen. Führe vom Denken direkt zur Hand, gleich einer Form gewordenen Gedankenbewegung. Ja, die Linie sei die «Ursignatur des Künstlerischen». Seit Jahren wird eine Renaissance der Zeichnung attestiert, was die Vermutung nahelegt, dass die Zeichnung all die Jahrzehnte zuvor ein eher stilles Dasein innerhalb anderer Disziplinen gefristet hat.

Tatsächlich galt die Zeichnung – insbesondere in der Konzeptkunst in den 1960er- und 1970er-Jahren – zunächst als erste Formulierung von Ideen und Modellen sowie als Vorbereitung auf etwas Nachfolgendes – und ward dabei das Physischste und Sichtbarste, das von vielen Ideen blieb. Die selbstständige Zeichnung, gern als autonom bezeichnet, ist es auch, die Künstler und insbesondere Künstlerinnen vermehrt in den späten 1970er- und 1980er-Jahren für sich wiederentdeckten. Deutlich zeichnet sich dabei eine starke Tendenz zum Figürlichen und Körperhaften ab. Die Möglichkeiten, die sich für viele Kunstschaffenden seither eröffnet haben und unter dem Begriff der Zeichnung in Erscheinung treten, sind gross und werden sowohl medial als auch mittels der eingesetzten Elemente beständig erweitert.

Die Zeichnung der Gegenwart kann somit eine Vielzahl an Gestalten und Formen annehmen. Auf Bleistift, Farbstift, Tusche, Tinte oder Kohle wird nicht mehr ausschliesslich zurückgegriffen. Im Gegenteil. Eine Zeichnung kann auch durch gefaltete oder ausgeschnittene Linien entstehen, kann mit dem Pinsel ausgeführt, neben Linie, Schraffur, Kontur und Umriss von Gegenständen ebenso Spur einer expressiven Führung der Hand sein, erzählende Beschreibung, abstrakte oder geometrische Formulierung oder auch Zeichen, Schrift und Bild. Längst sind neben bekannten und gängigen Bildträgern wie Papier, Karton oder Leinwand Untergründe und Materialen hinzugekommen – so Spiegel, Plexigläser, Ausstellungswände oder Projektionsflächen –, die mit neuen Medien aktiviert oder mit leuchtenden Neonlinien überlagert werden. Grossformatige Zeichnungsinstallationen akzentuieren den Weg vom Skizzenblock und der Hand-, Arm- und Körperbewegung in den Raum. Auch Bereiche wie Animationsfilm oder generell filmische Annäherungen, Zeichnungsreportagen, Illustrationen, wissenschaftliche Zeichnungen, Notationen, Diagramme, Konstruktionszeichnung oder topografische Zeichnungen fallen gegenwärtig in den Bereich der Zeichnung und verhelfen ihr dazu, nicht mehr als kleinformatig, leise und in manchen Augen gegenüber etwa der Malerei als zweitrangig wahrgenommen zu werden.

Wie lässt sich also unser Interesse beschreiben an einer Zeichnungsausstellung im Kunsthaus Baselland, die keinen Überblick über ein Medium geben, sondern eine Spurensuche unter einem bestimmten Aspekt ermöglichen soll? Das Interesse gilt zunächst dem Stellenwert, welche die Zeichnung im Werk der ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern einnimmt. Wo steht sie innerhalb des Arbeitsprozesses und wohin führt sie gegebenenfalls. Wie ist die Anmutung und Beschaffenheit der Zeichnung innerhalb des jeweiligen Werks der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler? Aber auch: Wie wird die Zeichnung innerhalb des künstlerischen Schaffens eingesetzt? Ist sie das zur Erkenntnis führende Mittel, die Verbildlichung von gedanklichen Prozessen und Handlungsanweisungen? Ist sie Ausdruck einer bildhaften Poesie, Erfindung, visualisierte Erinnerung, ein Bildergenerator, eine Aneignung oder Narration, ein Bauplan, der zu Bildern, Skulpturen oder Rauminstallationen führt?

Trotz der Unterschiedlichkeit aller hier vereinten Künstlerinnen und Künstler ist ihnen – bis auf wenige Ausnahmen – fast allen gemein, dass sie das Zeichnen zu ihrem primären künstlerischen Verfahren gemacht haben oder als Voraussetzung für weitere künstlerische Schritte heranziehen. Und: Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler zeigen mit ihren Werken einmal mehr, welche ungebrochene Strahlkraft und Wirkung eine Linie auf einem Blatt, einer Wand oder inmitten des Raumes haben kann. Eine Strahlkraft, die bereits über Hunderte von Jahren andauert und glücklicherweise weiter anhält.

Der Untertitel Von Basel aus erläutert zudem die Blickrichtung, die wir eingenommen haben. Den Blick hier – in Basel – beginnen zu lassen, ist nicht allein wegen des Standortes des Kunsthaus Baselland sinnfällig, sondern auch deshalb, weil der Zeichnung hier seit Jahrzehnten eine besondere Stellung zuteil geworden ist und sich auch gegenwärtig eine grosse Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern auf die Zeichnung als ihr zentrales Medium konzentrieren. In konzentrischen Kreisen blicken wir demnach auf das Werk bestimmter Künustlerinnen und Künstler unterschiedlichen Jahrgangs im In- und Ausland, deren zeichnerisches Werk exemplarisch für eine Richtung innerhalb des weiten Feldes an (zeichnerischen) Möglichkeiten steht, und setzen einen starken Akzent auf jene Zeichnerinnen und Zeichner, die in Basel tätig sind. Dass dabei zahlreiche Positionen nicht vertreten sein können, liegt auf der Hand. Zudem war uns wichtig, die nunmehr achtzehn ausgewählten Positionen nicht nur mit einem Werk, sondern mehrheitlich mit Werkgrppen vorzustellen, um einen besseren Einblick in das jeweilige Schaffen zu ermöglichen. Einige sind mit Werken aus den 1980er- oder 1990er-Jahren vertreten sowie mit ganz aktuellen Arbeiten. Andere haben neue Werke am Ort und für den Ort entwickelt.

Einhergehend mit der Ausstellung im Kunsthaus Baselland sind zwei weitere Aspekte von Bedeutung – die Publikation sowie das begleitende Programm. Die Publikation, die zusammen mit Georg Rutishauser entwickelt wurde und in der edition fink, Zürich, erscheint, ist mehr als ein ausstellungsbegleitender Katalog. So eröffnet der Textteil über die zahlreichen Texte und Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit der Vertiefung in das jeweilige Schaffen. Der Bildteil bietet – durch das Zeitungsformat – die Chance, weitere Zeichnungen und Werke, die überwiegend nicht in der Ausstellung zu sehen sind, grossformatig – und dem Original sehr nahekommend – zu erfahren.

Für das begleitende Programm haben wir ergänzend Künstlerinnen und Künstler eingeladen, deren Werk auch innerhalb der Ausstellungsthematik zu sehen ist. Während der Symposiumstage, die ganz im Zeichen der Zeichnung stehen, werden ihre Werke respektive ihr künstlerisches Konzept innerhalb der bestehenden Ausstellung vorgestellt und präsentiert werden. Dadurch soll die Ausstellung durch einen aktiven Teil überschrieben und dem Dynamischen Raum geben werden. Die hierbei agierenden Künstlerinnen und Künstler und Kulturschaffenden sind Susanne Fankhauser (Basel), Franziska Furter (Basel), Martina Gmür (Basel), Julia Marti und Milva Stutz (Zürich/Lausanne), überdies gibt es unter anderem ein Vermittlungskonzept von Anna Albisetti (Zürich). All das machen die Ausstellung, das Programm und die Publikation zu etwas Besonderem.*

 

*Ein Auszug aus dem Einleitungsartikel des Ausstellungskataloges Überzeichnen. Über das Zeichnen. Über das Zeichnen hinaus von Ines Goldbach.

Ueberzeichnen10

Installationsansicht Kunsthaus Baselland, Werkansicht (Ausschnitt) Jürg Stäuble (vorn) und Anna Barbara Wiesendanger (hinten), 2015. Foto: Serge Hasenböhler

Installationsansicht Kunsthaus Baselland 2015. Foto: Serge Hasenböhler

Installationsansicht Kunsthaus Baselland, Werkansicht (Ausschnitt) Thérèse Bolliger, 2015. Foto: Serge Hasenböhler

Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2015. Foto: Serge Hasenböhler

Installationsansicht Kunsthaus Baselland, Werkansicht (Ausschnitt) Jürg Stäuble (vorn) und Anselm Stalder (hinten), 2015. Foto: Serge Hasenböhler

Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2015. Foto: Serge Hasenböhler

Installationsansicht Kunsthaus Baselland, Werkansicht (Ausschnitt) Silvia Bächli (vorn) und Thérèse Bolliger (hinten), 2015. Foto: Serge Hasenböhler

Begleitend zur Ausstellung ÜBERZEICHNEN. Von Basel aus:

Das Projekt Lieblingszeichnung für Kinder

Wir baten Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren ein, uns ihre Lieblingszeichnung bis zum 25. Oktober 2015 zu schicken. Die Zeichnungen wurden an unserem Tag des Zeichnens, den 31.10.2015, im Kunsthaus Baselland gezeigt. Alle Infos zum Projekt hier.

Nach einem Konzept der Künstlerin Anna Albisetti.