Simone Holliger

venir en main

3.2. —
9.7.2023

KHBL SH 2
Simone Holliger, venir en main, 2022. Papier, Acrylfarbe, Kleber, Holz. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2023. Foto: Gina Folly
KHBL SH 1
Simone Holliger, venir en main, 2022. Papier, Acrylfarbe, Kleber, Holz. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2023. Foto: Gina Folly

Projektpartner


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Ernst und Olga Gubler-Hablützel Stiftung

Stiftung Erna und Curt Burgauer

Seit einigen Jahren wählt die mehrfach ausgezeichnete, international tätige Künstlerin Simone Holliger (*1986 in Aarau, CH) spezifische Materialien, welche sie durch eine prozesshaft und experimentell angelegte Arbeitsweise zu viele Meter hohen und breiten Skulpturen und Plastiken verarbeitet. Diese wachsen in und mit dem Raum, der sie umgibt. Voluminös und kompakt, zugleich durchlässig und leicht spielen die Objekte mit unseren Sehgewohnheiten und halten uns dazu an, die Fülle und die Leere, die Vorder- und die Rückseite, das Sichtbare und das Verborgene in Betracht zu ziehen.

Die in der Region Basel lebende und tätige Künstlerin denkt, baut und formt den Ausstellungsraum mit und wirkt damit auf seine Beschaffenheit, seinen Tonwert, seine Gerüche, Temperaturen und Menschen ein. Im Kunsthaus Baselland wird die Künstlerin ihren bislang grössten institutionellen Auftritt in Basel haben und parallel zu ihrer Einzelausstellung das Jahresaussenprojekt 2023 gestalten.

Der Titel sagt es bereits: in die Hand fallen. Das klingt nach einem Auf-sich-zukommen-Lassen, einem Offen-Sein für das, was die Situation verlangt, was das Material ermöglicht, was man selbst bereit ist zuzulassen. Aber auch nach einem Sich-Bemächtigen, einem In-die-Hand-Nehmen, Erspüren und Ins-Neue-damit-Aufbrechen.

Man mag in Anbetracht der Opulenz, die viele der einige Meter hohen Skulpturen oder Reliefs, die Simone Holliger in den letzten Jahren geschaffen hat, eher in eine ganz andere Richtung denken, was den Beginn ihres Arbeitens betrifft. Ihre meist am Ort gefertigten Raumkörper aus festerem Papier, verbunden mit Heissleim, überraschen durch ihre raumgreifende Grösse und Präsenz. Und auch die Auswahl und Intensität der Farbe, die sie meist assoziativ im Moment des Machens festgelegt und mit gestisch aufgetragenen monochromen Bewegungen aufträgt, ist einnehmend. Bei so viel Wucht, welche die Arbeiten von Simone Holliger jedes Mal ausstrahlen, mag man sich kaum vorstellen, dass sie zuvor nicht en détail geplant wurden – und auch geplant werden müssen. Und doch entsteht das meiste tatsächlich vor Ort, in kraftvollen, mutigen Tagen und Wochen vor jeder Eröffnung.

«Ich stelle mir im Raum immer die Frage», so Holliger, «wo ich ansetzen kann. An welchem Punkt kann ich in die vorhandene Konfiguration eingreifen und somit bestehende Strukturen, Flächen und Punkte nutzen? Wo kann ich Volumen einsetzen, wo es innerhalb der vorhandenen Struktur Leere gibt, und wie können dadurch Proportionen der bestehenden Volumen verändert werden?»

Daher beginnt es für Simone Holliger bei jeder Skulptur, jeder Arbeit, jedem Projekt und somit jeder Ausstellung mit dem Ort selbst. Nicht allein nur mit dessen architektonischer und materieller Beschaffenheit, sondern auch mit den Menschen, die diesen Ort prägen und ihm zu dem machen, was er ist. Die vielen vorgängigen Besuche, die Holliger jedem ihrer Ausstellungsorte widmet, richten sich daher nicht nur an Wand- und Deckenhöhen. Vielmehr geht es um Gespräche und ums Zuhören – bis eine Idee sinnfällig wird und ihr im besten Sinne in die Hand fällt. Fast scheint es, als würde sie temporär in jede Struktur selbst mit aufgenommen werden.

Es ist somit angebracht, das Schreiben über Simone Holliger und ihre Arbeiten zu weiten, abzurücken nur von dem Vergleichen-Wollen mit dem, woran es einen erinnern mag. Kein In-Beziehung-Setzen mit (meist männlichen) Künstlerkollegen unterschiedlicher Generationen, die statt mit Papier, wie Holliger, Materialien wie Stahl, Stein, Marmor etc. in eine Form gebracht, gezwängt oder gepresst haben, oft gefolgt von anschliessender kraftstrotzender bildlicher Dokumentation. Kein Vergleich mit Narrativen, die angesichts der oftmals amorphen Formen sinnbildlich werden – selbst wenn im Gegenüber mit den Skulpturen, skulpturalen Eingriffen, raumgewordenen Reliefs und Raumkörpern die Assoziation reichlich beflügelt werden. Man mag sich an dies oder jenes erinnert fühlen, an diese oder jene Form, diese oder jene Referenz aus der Kunstgeschichte, dieses oder jenes Gefühl – und doch versagt am Ende glücklicherweise jeder Vergleich.

Denn wenngleich die Arbeiten von Holliger auf den ersten Blick vom menschlichen Mass aufgrund ihrer enormen Grösse abrücken, gehen sie eben davon aus. Und nicht nur von jenen Proportionen, sondern vom Menschen in seinen Beziehungen, Verflechtungen und seinem Sein in der Welt. So ist denn auch in der von Simone Holliger nun entschlossener und zugleich radikaler Schritt, für ihre Werkauslage im Kunsthaus Baselland von einem bisher Gekannten abzurücken und in einen neuen Bereich aufzubrechen, ein grundlegend wichtiger und zugleich mutiger. Fast wie das Substrat ihres bisherigen Schaffens ist diese Arbeit zu sehen: ein Raum, ein Werk; eine flirrende Membran, die den Raum neu definiert: durch eine neue Materialität, das Licht, den Sound, die Farbe. Nichts lenkt ab von dem eigenen In-Beziehung-Treten mit dieser zweiten Haut. Fast meint man, sie stülpe für einmal die Skulptur um, öffnet diese in den Raum, um als Betrachter*in mit dem Werk ein Ganzes zu werden. «Es interessiert mich», so Holliger, «Strukturen zum Verschwinden zu bringen, etwa die technische und baulich bedingte Komplexität einer vorhandenen Decke. Dadurch ist es möglich, eine neue Komplexität hineinzubringen, welche eher weich, sinnlich, haptisch, formbar und zugleich durchlässig und kompakt ist.

Dieses künstlerische Selbstverständnis, den Garanten von gestern nicht auf das Heute zu übertragen, sondern aus der gegenwärtigen Situation und deren Chancen heraus zu agieren, ist genau die Kompetenz, die es in unserem In-der-Welt-Sein zu brauchen scheint – heute, hier und jetzt. Wie die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Göpel jüngst formulierte, ist bekanntermassen unsere aktuelle Weltsicht in weiten Teilen das Ergebnis unserer Erkenntnisse und Narrative von gestern. Daher sind es unsere Erfahrungen in dieser Welt, die prägen, welche Geschichten wir für richtig, falsch, bequem, riskant, überzeugend oder abwegig halten; aber auch, welche Narrative wir für welche Erfahrung aktivieren und zum Vergleich anführen. Die Freiheit, Zukunft zu gestalten, scheint daher immer auch bereits vorgeprägt und vorstrukturiert zu sein. Unser Blick auf die Welt ist somit jener, der den Zustand gegenwärtig wie zukünftig mitbestimmt, im Positiven wie im Negativen. Eben darüber können wir die Welt verstehen, auf sie zugehen und damit auch gestalten.

Es ist daher äusserst lohnend, sich die künstlerische Strategie von Simone Holliger im doppelten Sinne anzueignen – sei es durch eigene Anschauung, sei es durch ein tiefes Verständnis des Denkens, Handelns und Gestaltens an sich. Wenn wir uns also von einem – wie es der Philosoph Antonin Artaud einst so treffend formulierte – falsch eingeübten Alltag befreien wollen, ist es entscheidend, auf Veränderung zu setzen. Eben das kann die Chance der letzten und auch gegenwärtigen Krisenjahre sein: die Üppigkeit und Fülle des Alltags, wie auch immer wir uns in diesem eingerichtet haben, zurückzustellen. Statt dem Kalender der Erschöpfung sollten wir das regelmässige Zurücktreten und Wahrnehmen wählen und dadurch die Möglichkeit erhalten, von einem anderen Blickwinkel aus unser Sein in der Welt zu befragen. Zukunft ist kein fester Zustand, der auf uns zukommt, sondern vielmehr eine Haltung, die wir selbst gestalten können.

Simone Holliger (*1986) lebt und arbeitet in Basel. Sie hat in Luzern und Genf studiert und hat den Master of Fine Arts 2014 an der HEAD abgeschlossen. Simone Holliger realisiert regelmässig Ausstellungen in institutionellen Kontexten wie unabhängigen Kunsträumen. Zuletzt im Musée des beaux-arts La Chaux-de-Fonds und in der BF15 in Lyon. Ihre Arbeit wurde bereits verschiedentlich ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem Kulturförderpreis der Alexander Clavel Stiftung (2021) und dem Swiss Art Award (2019). Sie war Artist in Residence in Berlin (2020), Paris (2016) und Marfa (2015).

KuratorIn: Ines Goldbach zusammen mit Ines Tondar