Esther Hunziker

HI THERE

25.1. —
2.4.2018

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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, HI THERE, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2018, Foto: Gina Folly
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Esther Hunziker, Streamer, 2018
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Esther Hunziker, Stone, 2018

Die in Basel wohnhafte Künstlerin Esther Hunziker überlagert in ihren Arbeiten oft scheinbare Realitäten mit realen Schein­ welten und konstruiert ganz eigene, unvorher­gesehene Wirklichkeiten. Im Rahmen ihrer ersten grossen institutionellen Einzelausstel­lung im Kunsthaus Baselland nam sie das Thema Science Fiction vergangener Arbeiten erneut auf und verwebte Wissenschaft mit Fiktion auf der Suche nach einem neuen, erwei­terten Verständnis von Objekten. Alienation / Entfremdung bildete dabei das zentrale Thema der Ausstellung. Das englische Wort «alien» beinhaltet sowohl das Extraterrestrische, Ausserirdische und Ausländische, gleichzeitig aber auch ganz irdische, alltägliche Gefühle wie Fremdheit, Beziehungslosigkeit und Unzulänglichkeit. Begleitend zur Ausstellung erschien eine umfangreiche Publikation im Mark Pezinger Verlag.

HI THERE. Schwarze, grosse Lettern empfangen die BesucherInnen. Wir kennen diese Ansprache vor allem aus Spam Mails, Chatbots oder Videologs als informelle Begrüssung, die sich von unbenannter Seite an einen unbekannten Empfänger wendet. «Hi there, is there anybody out there?» Es ist diese Suche nach Interaktion mit dem Unbekannten da draussen, mit denen sich Esther Hunziker in ihren Arbeiten beschäftigt. Dabei setzt sie das grosse Unbekannte ausserirdischer Formen in Bezug zu ganz irdischen, alltäglichen «alienartigen» Strukturen des Fremdseins in und um uns. Auf der gesamten Ebene des Untergeschosses des Kunsthauses führt die Künstlerin den Besucher durch einen neuen Werkkomplex, in welchem Gegensätze wie das Unbekannte und Vertraute, das Nahe und Ferne, das Geistige und Körperliche, das Mechanische und Organische aufeinanderprallen.

In der grossen Auslegeordnung von Druckbögen im ersten Raum gibt die Künstlerin Einblick in eine persönliche Assoziationskette, in der sie unterschiedlichste und dezentrale Quellen zu einer umfassenden Materialsammlung zum Thema «Alienation» zusammenträgt. Sie sucht darin nach Bezügen der Entfremdung in und um uns — nach sozialer Entfremdung und Isolation im Zeitalter vernetzter, digitaler Kommunikation sowie fremden, uns unbekannten ausserirdischen Formen und Vorstellungen. Die Marx’sche Theorie der Entfremdung trifft hier auf Gefühlsströme junger YouTube-Streamer, Aufzeichnungen von Meteoriteneinschlägen stehen Bildern anonymer Laborräume gegenüber, Forschungsansätze aus der Exobiologie vermischen sich mit Textbeispielen anonymer Chatbots, narzisstische Selfies beziehen sich auf Artefakte unbekannter Spezimina, Aufnahmen eigener Arbeitsskizzen stossen auf standardisierte Stock-Fotografien… Das Fremde trifft auf das Wohlbekannte, das Rätselhafte auf das Benennbare.

«Das wissenschaftliche Projekt SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence)», so die Künstlerin im Gespräch, «sucht seit Jahren das Weltall nach extraterrestrischen Signalen ab, und sie haben das gleiche Problem wie wir — das grosse Rauschen. Wie erkennt man relevante Signale, wenn alle Frequenzen besetzt sind?» Das grosse Rauschen wird denn auch im zweiten Raum spürbar. Auf sechs Monitoren sind objektartige Wesen zu sehen, die alle gleichzeitig sprechen. Ihre Körper erinnern an Steinformationen oder fremde Meteoriten, ihre Sprache hingegen ist menschlich, banal und alltäglich. Es ist ein Stimmengewirr aus originalen Audiospuren von aktuellen Video-Streams, Texte von realen Menschen, die Kameras auf sich selbst richten und ihre Gefühle mitteilen, welche sie online jederzeit mit allen und doch niemandem im Spezifischen teilen. Esther Hunziker entnimmt diese ‹Gefühle› aus den Nonstopströmen der globalen Netzwerke und gibt der Sprache einen neuen Körper. Sie nennt ihre Hybridwesen «Spezimens», sogenannte wissenschaftliche Exemplare, die sie in den Monitoren konserviert und als ‹fremde› Objekte präsentiert.

Dezidiert verhandelt Hunziker im Zeitalter der Digitalisierung, wie sich Realität und Fiktion immer mehr vermischen, wie Identitäten austauschbar erscheinen und sich mit anderen permanent abgleichen lassen. Es ist der virtuelle Exhibitionismus der Netzsubjekte, der sich in den gesprochenen Texten der Video-Blogger widerspiegelt — eine konstante Suche nach dem ‹Ich im Netz›, nach der Zugehörigkeit ‹in der Welt›. Wir alle sind Touristen, die wir uns an einem Ort befinden, ohne von diesem Ort zu sein, in einer Art Transitraum und in einer Art Transitzeit. — HI THERE!
Text von Ines Goldbach

Ausstellung und Katalog wurden grosszügig unterstützt durch das Aargauer Kuratorium sowie weitere Förderer, die Ernst und Olga Gubler-Hablützel-Stiftung, Stiftung Erna und Curt Burgauer sowie weitere Partner, die nicht genannt werden möchten.

Die Einzelausstellunung von Esther Hunziker wurde parallel zur Gruppenausstellung Sehnsuchtsorte / Places of longing und der Solo Position: Nicole A. Wielisbach sowie in der Folge angekauft! im Kunsthaus Baselland gezeigt.


KuratorIn: Ines Goldbach